Interview mit Thomas Frischknecht von Frederic Machabert



Interview mit Mountainbike-Legende Thomas Frischknecht

Thomas Frischknecht (36) ist seit 16 Jahren Radprofi und feierte sowohl auf der Strasse, als auch im Radquer und im Mountainbike Erfolge. Im Radquer war er 1988 Junioren-Weltmeister, 1991 Amateur-Weltmeister und gewann an der Elite-WM zweimal Bronze und einmal Silber. Auf der Strasse gehörte er 1996 dem Schweizer Olympia-Team an und gewann 1994 und 1999 insgesamt drei Etappen am GP Tell und an der Tessiner Rundfahrt.

Sein Hauptaugenmerk galt aber seit 1991 ganz klar dem Mountainbike, wo er zahlreiche Titel und Medaillen sammelte. An Weltmeisterschaften gewann er dreimal Bronze, viermal Silber und einmal Gold – 1996 erhielt er nach dem Doping-Geständnis Jérôme Chiottis nachträglich den WM-Titel zugesprochen, 2003 und 2005 triumphierte er an der Marathon-WM. Dreimal nahm der Zürcher an Olympischen Spielen teil – 1996 in Sydney gewann er Silber. Im Weltcup hatte er dreimal in der Gesamtwertung die Nase vorne und wurde viermal Zweiterweglassen. Insgesamt gewann er 18 Weltcuprennen.

Friscknecht wohnt mit seiner Frau und seiner drei Kindern Andri (11), Carmen (8) und Gina (5) in Feldbach und denkt nicht daran, seine Karriere zu beenden, «solange ich noch Rennen gewinnen kann.»

«Der Wein eröffnet mir eine komplett neue Welt»

 

oder:

 

In vino veritas

 

Thomas Frischknecht, Mountainbiker der ersten Stunde, engagiert sich nicht nur im Kampf gegen Doping, sondern blickt auch sonst über den Tellerrand des Spitzensports hinaus. Im Interview mit dem outdoor guide spart er nicht mit klaren Worten und offenbart auch überraschende Seiten.

 

Herr Frischknecht, wie geht es ihren Rebstöcken?

Gut! Das Projekt gedeiht je länger, je mehr. Mein Weinberg in Massa Maritima ist eine halbe Hektare gross, und wir bauen Merlot an. Der Wein wird vom Spitzenproduzenten Fabrizio Niccolaini gemacht und kommt 2007 erstmals auf den Markt. Von seinen Weinen vertreibe rund 300 bis 400 Flaschen in der Schweiz. Nicht als Business, sondern mehr als Hobby. Ich kann damit gerade mal den Bedarf der Restaurants abdecken, in denen ich verkehre. Das meiste geht unter der Hand weg.

 

Ein Spitzen-Mountainbiker, der Wein herstellt – ist das nicht problematisch?

Es ist in der Tat eine heikle Sache, wenn ich mich als Sportler auf dieses Parkett begebe. Ich habe meine Wurzeln nicht im Weinbau und bin auch relativ jung für dieses Business. Der Grund für dieses Hobby ist denn auch Fabrizio Niccolaini selber: Er ist ein unmittelbarer Nachbar des Guthofs Podere Massa Vecchia, auf dem ich schon seit 15 Jahren verkehre. Fabrizio gehört für mich in die gleiche Kategorie Mensch wie Bike-Legende Tom Ritchey, zu dem ich eine sehr enge Beziehung habe: Pioniergeist, sehr eigenständig, authentisch, unverkennbar. Der Wein eröffnet mir eine komplett neue Welt – ich geniesse es, spannende Menschen kennenzulernen, die absolut nichts mit Velofahren am Hut haben.

 

Nimmt man Thomas Frischknecht als Winzer ernst?

Vielleicht denken einige schon, dass sich da wieder ein Promi mehr mit einem Weinberg in der Toskana profilieren will. Wenn ich die Weine von Niccolaini dann aber in einem Top-Restaurant präsentiere, gehen den Leuten die Schuhbändel auf. Bislang hatte er ja keinen Importeur für die Schweiz – er ist ein absoluter Geheimtipp auf ganz hohem Niveau. Viele Leute staunen auch, dass ein Spitzensportler eine gewisse Musse haben kann, für Genuss, für einen feinen Wein und ein feines Essen.

 

Ihr Know-how in Sachen Weinbau und Vinifikation ist also hieb- und stichfest?

Es ist sozusagen eine Lehre, die ich 1:1 absolviere – nicht gerafft in ein paar Monaten, sondern während des ganzen Prozesses. Das Land zwei Jahre vorbereiten, das Aufziehen der Pflanzen, Bereitstellen der Infrastruktur: Das habe ich jetzt nach und nach über sechs Jahre alles erfahren. Natürlich mache ich einige Arbeiten wenn immer möglich selber: Winterschnitt, hochbinden und so weiter. Ein Experte bin ich aber nicht. Die Vinifikation, für die Fabrizio verantwortlich ist, ist ein Kapitel, mit dem ich mich künftig genauer befassen werde. Ich bin erst 36, da rennt mir die Zeit nicht davon – es reicht mir, wenn ich mit 50 sagen kann: Ja, ich verstehe etwas von Wein.

 

Ihr Rebberg wird biologisch bewirtschaftet?

Ja, Niccolaini ist ein Vorreiter der biologischen Produktion. Das geht weit über den grünen Punkt heraus, den viele aus rein marketing-technischen Gründen auf den Flaschen haben. Nicollaini hält sich alte maremmanische Ochsenarten, die er braucht, um den Mist in die Reben zu bringen und den Rebberg zu bewirtschaften. Er produziert auch Wein wie vor 3000 Jahren, als die Etrusker in dieser Region Weinbau betrieben: Rebstöcke in Mischkultur mit hochstämmigen Obstbäumen, Ausbau in Terra Cotta-Gefässen. Seine Weine sind alle unfiltriert und sulfatfrei.

 

Was bedeutet die Umwelt generell für Sie?

Einerseits ist die Natur mein Betätigungsfeld, das mich immer wieder neu fasziniert, das ich gerne spüre, respektiere und schätze. Andererseits bin ich wegen meines Berufs dazu gezwungen, viel zu reisen – auch mit dem Auto und dem Flugzeug. Den Umweltschutzgedanken muss ich da zurückstellen. Dafür bin ich in anderen Bereichen konsequenter – wir heizen zum Beispiel mit Holz, mit erneuerbarer Energie also.

 

Zurück zum Wein: Was ziehen Sie vor –  einen Supertoskaner internationaler Machart wie Ornellaia und Sassicaia oder eher die authentischen Weine?

Wenn man in diese Materie einsteigt, lässt man sich dazu verleiten, die Super Tuscans zu mögen – diese Cabernet-Merlot-Weine faszinieren einfach. Auf meiner Bike-Lieblingsrunde in der Toskana fahre ich im Jahr sicher zwanzig Mal dem Ornellaia- und dem Sassicaia-Rebberg entlang – das ist ganz einfach ein Mythos. Es ist das Gleiche, wie wenn ich Eddy Merckxs treffen würde. Da hinterfragst du nicht, ob er immer sauber gefahren ist und ein fairer Sportler war. Eddy Merckxs ist ganz einfach Eddy Merckxs – ein Mythos. Beim Wein ist es das dasselbe.

 

Auch da gibt es die getunten Weine.

Genau. Sassicaia zum Beispiel erreicht jedes Jahr die gleichen Standards, kommt uniform daher und ist auch wirklich sehr bekömmlich. Ich habe noch niemanden erlebt, der diesen Wein nicht mochte. Fabrizio Nicollini distanziert sich aber total von dieser Machart. Er verfolgt eine eigene, authentische Linie, eine anspruchsvollere auch. Persönlich trinke ich gerne Ornellaia. Auf meinem Rebberg wird ja auch Merlot angebaut: Also keine authentische Traubensorte für die Toskana, sondern jene, die für die Lage und Bodenbeschaffenheit am geeignetsten war. Wir haben das Land, das Terrain,  respektiert und haben uns deshalb für Merlot entschieden. Ich bin gespannt, was herauskommt. Er ist jetzt im Fass...

 

Im Barrique?

Ja. Zum Teil werden übrigens gebrauchte Fässer von Ornellaia verwendet (lacht).

 

Wie sieht ihr Weinkeller aus?

Mein persönlicher? Vorwiegend Toskana. Praktisch nur Italiener, keine Franzosen.

 

Und Ihr Trinkverhalten?

Wenn ich während der Saison unterwegs bin, trinke ich kaum Wein. An denen wenigen Tagen zu Hause jedoch immer eine Flasche pro Abend, zusammen mit meiner Frau. Für mich ist das Nachtessen etwas sehr Wichtiges. Ich mag diese Gewohnheit, mit der Familie am Tisch zu sitzen. Meine Frau kocht auch sehr gut und gerne, und da gehört für mich einfach eine feine Flasche Wein dazu. Nach dem Training oder sonstigem Stress holt mich das herunter, bringt mich in einen Geniesser-Mood und lässt mich auch gut schlafen. Es tut gut, den Tag so ausklingen zu lassen. Einen Monat vor der Weltmeisterschaft trinke ich dann aber keinen Wein mehr. Nicht, weil ich das Gefühl habe, dadurch schneller zu sein, sondern aus Prinzip. Ich sage mir dann: Jetzt bist du zu 100 Prozent Veloprofi – alles andere stellst du zurück. Mit diesem Konzept hatte ich in den letzten Jahren Erfolg. Ich betitle das immer als Leben A und Leben B.

 

Gibt es Parallelen zwischen dem Weinbau und dem Bikesport?

Beides hat viel mit Natur zu tun – damit, die Natur zu respektieren und zu schätzen. Und es gibt getunte Weine und getunte Velofahrer. Ansonsten sind das aber komplett verschiedene Welten. Wein steht mehr für Musse und Ruhe, währenddessen Spitzensport voller Hektik und Leistung ist, voller Power.

 

In welcher der beiden Welten fühlen Sie sich wohler – in der schnellen, resultatorientierten oder in der ruhigen?

Ich brauche beide. Ich habe eine gesunde Balance zwischen dem wahren Leben in der Familie und dem Spitzensport gefunden. Meine Passion für Genuss und Wein gibt mir eine Ausgeglichenheit. Weil ich zwischen den beiden Welten hin und her wechsle, kann ich mir meine Energie und Frische für den Spitzensport bewahren. Viele fragen sich ja, wie jemand 15 Jahre lang an der Weltspitze mithalten kann. Das ist nur möglich, weil ich eben auch andere Dinge habe. Wer nur das eine oder andere hat, läuft schnell Gefahr, dass es sich irgendwann totläuft. Da unterscheide ich mich deutlich von Christoph Sauser – der ist 365 Tage im Jahr Bike-Profi. Für ihn ist das sicher richtig, darum hat er ja solchen Erfolg. Ich aber befinde mich auch altersmässig in einem anderen Stadium.

 

Was gab den Ausschlag, dass Sie sich zu Beginn Ihrer Karriere fürs Mountainbiken entschieden haben?

Das war nicht wirklich ein Entscheid, es war eher eine Entwicklung – ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 1988 war ich Junioren-Weltmeister im Radquer und schlug als 19-Jähriger schon die ganze Weltelite. 1990 hatte ich dann zwei Optionen: Ich hätte zusammen mit Pascal Richard, Laurant Dufaux und Beat Zberg in die Strassenmannschaft von Paul Köchli wechseln können, oder konnte zum Mountainbiken nach Amerika gehen. Dass ich mich fürs Zweite entschied, war eine Trotzreaktion gegen meinen Vater.  Man sah damals in mir immer nur den Sohn des Radquer-Fahrers Peter Frischknecht – das hat mich mit der Zeit «angegurkt». In den USA dagegen wurde ich als Thomas Frischknecht wahrgenommen.

 

Haben Sie das Potenzial dieses Sports damals schon erkannt?

Nein, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Mich reizte damals das Internationale, ich war neugierig auf Amerika, wollte die Welt bereisen und Sprachen lernen. Ich schätzte die Weltoffenheit der Biker. Dann war da auch der Coolness-Faktor: In den USA hatte ich Ausrüsterverträge für Schuhe, Helm und Brille, von denen  ein Querfahrer in Europa nur träumen konnte. Als ich dann auch Erfolg hatte – im darauffolgenden Jahr wurde ich Zweiter an der WM in Durango – ergab dann das Eine das Andere.

 

Seit 20 Jahren besteht der Sinn ihres Lebens darin, Rennen gegen andere Fahrer zu gewinnen. Haben Sie sich schon gefragt, ob Ihnen das ausreicht?

So konkret habe ich mir diese Frage nicht gestellt. Aber wenn man sieht, welche Projekte ich in den letzten sechs Jahren lanciert habe, dann ist sie schnell beantwortet: Ich brauche Aufgaben, die darüber hinausgehen. Ich habe mit Odlo, Ritchey und Scott Produkte und Bike-Kollektionen entwickelt und beteiligte mich an touristischen Projekten wie der Entwicklung von Massa Vecchia zu Bikestation und der Frischi Bike School im Engadin. Und ich habe die Frischi Bike Challenge ins Leben gerufen. Nur das Ziel zu haben, gut Fahrrad zu fahren, reicht mir nicht.  Irgendwann braucht man auch andere Bestätigungen. Und die sind genau so schön sind wie 18 Weltcup-Siege.

 

Auch als Filmstar haben Sie Spuren hinterlassen – im Freeride-Film über Alta Rezia.

Ich bin stolz und zufrieden, wie der Film herausgekommen ist. Das Projekt mit Hans Rey war zehn Jahre lang in der Schublade, bis Alta Rezia haben wir nie einen gemeinsamen Nenner gefunden. Zusammen wollten wir das Thema Freeride anders angehen, nicht nur die radikalen Sachen zeigen. Stattdessen wollten wir die Lust wecken, auf einem coolen Singletrail zu fahren. Statt Big Drops, bei denen jedem der Mund offen stehenbleibt, die man aber selber nicht fahren kann, wollten wir alle aktiv ansprechen. Darum versuchten wir auch, das humorvolle Element mit einzubeziehen. Wir wollten rüberbringen, dass wir in dieser Woche Spass hatten. Es war, wie wenn zwei Buben eine Velo-Tour machen. Ich gefalle mir zwar selber nicht im Film, aber das Resultat gefällt mir, der Film.

 

Sie nutzen Ihre Popularität, um andere zu motivieren. Erleben Sie diese Vorbildfunktion auch als Verantwortung?

Ja, man kann diese Verantwortung entweder verdrängen, oder versuchen, sie möglichst positiv zu nutzen. Schon mit der Frischi Bike Challenge wollten wir Mountainbike einem grösseren Publikum schmackhaft machen und Einsteiger zu motivieren. Wenn ich für karitative Projekte angefragt werde, unterstütze ich sie ebenfalls, wenn sie mir sinnvoll erscheinen. Aus politischen Dingen halte ich mich jedoch heraus.

 

Engagements für karitative Zwecke sind auch politische Statements.

Wenn ich mich im Bikebereich bewege, kenne ich mich aus und darf darum auch fundiert eine Meinung äussern. Wenn es aber um politische Fragen geht, zum Beispiel um den EU-Beitritt, will ich meine Meinung nicht öffentlich kommunizieren. Das ist mein Grundprinzip.

 

Aus Angst davor, dass die Popularität leidet?

Nein. Ich befasse mich nicht profund genug mit politischen Themen. Ich kann nicht behaupten, die Meinung, die ich vertrete, sei richtig. Wenn ich mich mit einer Äusserung exponiere, dann klingelt hier dauernd das Telefon. Damit möchte ich eigentlich keine Zeit verlieren.

 

Sie sagen uns also nicht, wo Sie politisch stehen?

Kein Kommentar. Mein einziges politisches Engagement war, dass ich den Lehrer meines Sohnes bei den Gemeinderatswahlen mit meinem Namen unterstützt habe –  weil ich ihn persönlich kenne und schätze. Ich weiss nicht einmal mehr, für welche Partei er kandidierte – jedenfalls war es nicht die SVP. Mit seiner Partei habe ich grundsätzlich nichts am Hut, aber ich finde es gut, wenn er im Gemeinderat ist.

 

Als Bike-Profi sind Sie oft weg von zu Hause. Trotzdem haben Sie schon in jungen Jahren eine Familie gegründet. Sind Sie ein guter Vater?

Das müsste man besser meine Frau fragen. Ich muss zugeben, dass ich der Familie gegenüber ab und zu ein schlechtes Gewissen habe, weil ich grundsätzlich zu wenig hier bin.

Andererseits schätze ich diese Zeit, die ich hier verbringe, enorm. So sehr, dass die Kinder meine Liebe spüren und mitbekommen, wie sehr auch ich sie brauche. Auch die Beziehung zu meiner Frau ist so gut wie eh und je. Vielleicht liegt das auch daran, dass wir uns eher zu wenig als zu viel sehen und die gemeinsame Zeit dann auch wirklich nutzen, um es zusammen schön zu haben. Wenn man weg ist, merkt man, wie sehr man das vermisst.  Ich denke, das Kommen und Gehen erfrischt die Beziehung und das Familienleben.

 

Sie haben nicht das Gefühl, die erste Jahre Ihrer Kinder verpasst zu haben?

Nein. Meine Kinder gedeihen prächtig, und ich habe das Gefühl, dass da nicht so viel falsch gelaufen ist. In einem anderen Job würde ich die Kinder über das Jahr hinweg wahrscheinlich weniger sehen als jetzt.

 

Als erklärter Doping-Gegner haben Sie die Epo-Hochblüte in Ihrer Sportler-Karriere am eigenen Leib miterlebt. Erst als Epo nachgewiesen werden konnte, haben Sie wieder Rennen gewonnen. Hat man Ihnen die Jahre von 1996 bis 2000 gestohlen?

Ich bin kein nachtragender Mensch. Auch wenn ich wahrscheinlich einige Titel mehr gewonnen hätte, wenn es Epo nicht gegeben hätte. Die Genugtuung, dass es jetzt am Ende meiner Karriere mit den Titeln doch noch geklappt hat, überwiegt.  Die verlorenen vier Jahre zwischen 1996 und 2000 waren eine wertvolle Erfahrung für mich. Ich habe schwere Zeiten durchgemacht und bin trotzdem meinen Weg weiter gegangen. Jetzt fühle ich mich dafür belohnt: Ich gehöre nach wie vor zur Weltspitze und konnte mit 35 noch Weltmeister werden. Das ist für mich kein Zufall. Es ist wie ein Wink von oben.

 

Der Wink von oben war, dass der Führende Thomas Dietsch an der Marathon-WM einen Defekt hatte?

(lacht.) Ja, effektiv. Ich habe in meiner Laufbahn lange gehadert mit meinem Pech und unglücklichen Konstellationen. Aber ich habe nicht alles hingeschmissen. Ich spürte immer, dass ich eigentlich fähig wäre, um auch mal Weltmeister zu werden. Das hat mich weiter getrieben. Dass ich Bart Brentjens auf seinem Hardtail mit meinem Fully im Sprint um den Titel schlug, hat einerseits mit meinen körperlichen Voraussetzungen zu tun. Andererseits war das beeinflusst von oben. Es war Fügung. Dafür bin ich dankbar.

 

Was bedeutet Glück für Sie?

Das hätte ich bis zu dieser Wendung gar nicht beantworten können. In den letzten paar Jahren beanspruchte ich das Glück dann aber schon ein paarmal. An der WM 2002 und 2004 regnete es vor dem Rennen so stark, dass alle lieber im Bett geblieben wären. Mir behagen diese Bedingungen, und ich holte jeweils eine Medaille. Glück und Pech gleichen sich über 16 Jahre aus.

 

Sie haben sich auch als Mensch weiterentwickelt?

Ja, klar. Das ist Lebensschule der ersten Güteklasse, wenn man im Sport erfährt, dass sich alles zum Guten wenden kann, wenn man in harten Zeiten das Ziel nicht aus den Augen verliert und hartnäckig seinen Weg weiter geht. Diese Erfahrung bleibt mir für den Rest meines Lebens.

 

Sie klingen versöhnt und ausgeglichen...

Ich machte viele Jahre durch, in denen ich angespannt und unzufrieden war, weil ich merkte, dass das System nicht fair ist. 1996 wurde ich an den Olympischen Spielen Zweiter hinter Bart Brentjens, einen Monat später im Weltcup Zweiter hinter Christoph Dupouey, der aus dem Nichts kam, zwei Wochen später an der WM Zweiter hinter Jérôme Chiotti, der ebenfalls aus dem Nichts kam, und nochmals sechs Monate später an der Quer-WM wieder Zweiter hinter Daniele Pontoni – ausser Brentjens wurden später alle des Dopings überführt. Als mich dann Beni Thurnheer im «Sportpanorama» fragte, ob es mir nicht langsam auf den Wecker gehe, immer nur Zweiter zu werden, platzte mir fast der Kragen. Um ein Haar hätte ich gesagt: «Wenn es kein Epo gäbe, wäre ich vermutlich viermal Erster geworden!» Aber dann wäre ich als schlechter Verlierer dagestanden und vielleicht sogar vor Gericht gekommen.

 

Nach dem Skandal in der Festina-Strassenmannschaft wurden damals sowieso alle in den gleichen Topf geworfen. Viele glaubten, wenn sich «Nationalheld» Alex Zülle dopt, tuts der Frischi wohl auch. Der fährt ja schliesslich auch schnell. So wurde ich nicht nur benachteiligt, sondern auch noch zu Unrecht des Dopings verdächtigt. Ende der 90er-Jahre musste man sich fast schämen, Radrennen zu gewinnen. Mein Groll von damals hat sich aber in der Zwischenzeit gelegt. Jetzt trinke ich sogar mit Fahrern Kaffee, mit denen ich vorher bewusst kein Wort wechselte. Für mich ist die Welt in Ordnung.

 

Ist der Bikesport jetzt clean?

Nein, das ist er nicht. Aber er ist, was das Doping anbelangt, im Vergleich zu Leichtathletik oder Strassenrennsport in einem recht primitiven Stadium. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass es im Bikesport zu wenig zu verdienen gibt, als dass sich hochwissenschaftliches Doping lohnen würde. Dieses ist mit enorm viel Geld und Aufwand verbunden. Man muss nur die Summen anschauen, die gewisse Radfahrer – auch Schweizer – dem einschlägig bekannten Doktor Ferrari bezahlt haben, damit er sie schnell macht, ohne dass sie in der Dopingkontrolle hängen bleiben! Zudem ist die Dopingbekämpfung fortgeschrittener, als man meint.

 

Wären Sie auch clean geblieben, wenn Sie am Anfang Ihrer Karriere zum Strassenrennsport gewechselt hätten?

Nein, da mache ich mir keine Illusionen. Im Mountainbike konnte ich mich auch gegen Doping aussprechen, weil es die Situation nicht erforderte, dass ich dope. Es ging mir immer gut ohne Doping. Wenn ich aber auf die Strasse gewechselt hätte, wäre ich keine Ausnahme gewesen. Die Zwänge sind da viel zu stark. Irgendwann kommst du an den Punkt, wo es heisst: Willst du an die Tour de France, oder willst du zurück in deinen Beruf? Wenn du konsequent sein willst, müsstest du nach einem Monat sagen: Nein, ich gehe wieder arbeiten. Wenn du an deinem Sport hängst, verlierst du deine Prinzipien. Und wenn das alle anderen auch machen, hast du nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei.

 

Kann man die Tour de France so schnell fahren, wie sie 2004 und 2005 gefahren wurde, wenn man sauber ist?

Das bezweifle ich, aber ich bin nicht im Strassensport zuhause. Ich trainiere zwar auch das ganze Jahr auf dem Rennvelo: An einem Eintagesrennen könnte ich mithalten, aber an einer Tour de France könnte man mich nach dem dritten Tag rauchen. An der Spitze geht es um soviel Geld und Prestige, da ist es doch klar, dass betrogen wird, wo betrogen werden kann.

 

Sie haben mal gesagt, dass Sie am liebsten Lance Armstrong zu einem Fondue einladen würden – über was würden Sie sich mit ihm unterhalten?

Genau über das. Ich möchte von ihm kein Geständnis hören, sondern mich interessiert seine Einstellung dem Doping gegenüber. Ich habe viel über ihn gelesen, aber ich werde nicht schlau aus ihm. Er behauptet immer, er sei clean. Aber wenn es um den Kampf gegen Doping geht, geht er ihm aus dem Weg. Wer etwas gegen Doping unternimmt, wird von ihm sogar zur Seite gedrängt.

 

Glauben Sie denn, dass er immer clean fuhr?

Das kann ich nicht sagen. Ich möchte niemandem unterstellen, dass er gedopt ist, nur weil er an der Weltspitze fährt. Das ist eine Haltung, unter der auch ich gelitten habe. Von mir hat sicher auch manch einer gedacht: Ja, der Frischi, der wäre auch nicht Weltmeister, wenn er nicht dopen würde. Bei Lance Armstrong gibt es gewisse Indizien, die auf Doping hinweisen: Dass er mit Doktor Ferrari zusammenarbeitet, dass er nur während einer sehr beschränkten Zeit im Jahr schnell fahren kann, Urintests. Für ihn würde ich nicht die Hand ins Feuer legen.

Es kommt aber auch auf die Definition an: Es kann durchaus sein, dass er gewisse Lücken ausnützt, die für mich unter Doping laufen, für ihn aber nicht. Ob das ethisch vertretbar ist oder nicht, ist eine andere Frage.

 

Im Gegensatz zu ihm erbringen Sie Ihre Spitzenleistungen über die ganze Saison – und das seit 16 Jahren.

Ja, das merken Sie. Aber sagen Sie das einmal einem «Blick»-Leser.

 

Werden Sie auch mit 60 noch auf dem Mountainbike sitzen?

Ja, bestimmt. 

 

Betreiben Sie noch andere Outdoor-Sportarten?

Nein, ich bin ein totaler Fahrrad-Depp (lacht). Im Ernst: Ich fahre Snowboard, mache Schneeschuh-Touren. Beim Joggen und Schwimmen bringe ichs vielleicht auf viermal im Jahr. Ab und zu fische ich auch. Fliegenfischen.

 

Die hohe Schule des «Catch and release»?

Nein, wenn ich schon mal einen fange, dann lasse ich ihn sicher nicht wieder zurück.

 

Welches war Ihr schönstes Outdoor-Erlebnis?

Das war wahrscheinlich beim Fliegenfischen. Ich wanderte zu einem Bergsee im Engadin, auf 2750 Metern. Ich schätzte die Chance, dass es auf dieser Höhe überhaupt einen Fisch gibt, auf etwa fünf Prozent. Ich habe es aber trotzdem versucht und prompt eine Forelle herausgezogen. Im Hotel lachten mich alle aus, weil sie einen Riesenkopf hatte und so dünn war wie eine Schlange – der See ist halt sechs oder sieben Monate im Jahr gefroren. Der Koch hat den winzigen Fisch dann extra in einer riesigen Kupferpfanne zubereitet und präsentiert – ringsherum schön mit Kartoffeln garniert.